Edition dws Karlsruhe, 1992, ISBN 3-925021-08-6
Jenseits der Zwölftöner - Neue Musik in Estland
Ein Volk, das mit Gesang Politik zu machen imstande ist, muß
einfach durch und durch musikalisch sein. Kein Wunder, daß
die Esten in die Theater und Konzertsäle strömen, kein
Wunder auch, daß sie ein offenes Ohr für ihre zeitgenössische
Musik haben. Da mag mancher Komponist in den Zentren Europas neidisch
werden: In Estland wird alles, was komponiert wird, auch aufgeführt,
für Rundfunk und Schallplatte eingespielt. Der estnische
Komponistenverband, dessen Vorsitzender Jaan Rääts ist,
zählt rund 90 Mitglieder. Auch in der Gegenwartsmusik Estlands
ist Vielfalt Trumpf - klar, daß dabei der Computer längst
Einzug in die Komponierstuben gehalten hat.
Dennoch: Nicht zuletzt das wechselvolle Schicksal jenes Landes
unter vielen fremden Herren, das jetzt wieder den Anschluß
an seine europäischen Nachbarn sucht, hat die estnische Musikgeschichte
mitgeschrieben. Sie ist anders verlaufen, jenseits einschlägiger
Strömungen der Neuzeit, etwa der Zwölftöner um
Arnold Schönberg. Hinzu kommt, daß die abendländische
Tradition im Baltikum auf bisweilen komplizierte Bedingungen traf.
So war etwa die geistliche Musik Bachs, insbesondere sein oratorisches
Werk, in der Sowjetrepublik Estland selbstredend verpönt.
Das hat sich freilich mittlerweile wieder geändert, doch
das Fremdartige der estnischen Avantgarde ist geblieben.
Ein deutscher Professor für Komposition sagte das einmal
so: "Da, wo Sie leben, gehen die Uhren anders". Der
Angesprochene war damals Lepo Sumera, einer der prominentesten
Komponisten seiner Heimat und inzwischen estnischer Kulturminister,
mithin ein weiteres Beispiel für die aktuelle Allianz von
Kunst und Politik im Baltikum. Sein deutsches Gegenüber bei
jenem Karlsruher Gesprächskonzert räumte ein, daß
er Estland überhaupt erst auf der Karte habe suchen müssen
- vielleicht ist er mittlerweile auch davon überzeugt, daß
es sich lohnt, sich zu Streifzügen auf der musikalischen
Landkarte des 20.Jahrhunderts in Estland aufzumachen...
Gerade die Tatsache, daß Estlands Avantgarde nicht an
der Richtschnur westlicher Tendenzen in der Neuen Musik zu messen
ist, macht sie so interessant. Während die Neue Wiener Schule
und der Aufbruch der Dodekaphonie die Krise des ganzen tonalen
Systems markierten, schöpften die Esten unbeschadet solcher
Anfeindungen beharrlich aus den Quellen ihrer alten Überlieferung,
vor allem aus der Folklore, aber auch den Mythen und Sagen ihres
Landes. Lepo Sumera bekennt sich denn auch zum Mystizismus seiner
Musik, die gleichsam den Geist vorchristlichen Schamanentums heraufbeschwört.
Seine bisweilen fast rituellen Repetitionen, die unwillkürlich
der Minimal Music nahestehen, erklärt er so: Sie hänge
mit der Sagen-Tradition der estnischen Frauen zusammen. Sie hätten
sich während der Hausarbeit Geschichten erzählt, deren
Motive sich stets wiederholten. So ist auch Lepo Sumeras Musik
gleichsam der Widerschein einer uralten Kultur, ein magischer
Vorgang mit großer Suggestivkraft.
1950 in Tallinn geboren, war Sumera im Konservatorium seiner
Heimatstadt Schüler von Heino Jürisalu und Heino Eller,
einem Komponisten, der eine ganze Generation junger estnischer
Tonschöpfer entscheidend prägte. Später unterrichtete
Sumera selbst am Tallinner Konservatorium, bevor ihn der damalige
Premierminister Indrek Toome 1989 ins estnische Kabinett berief.
Sein Werkkatalog reicht von der Chormusik bis zur Symphonie, von
der Kammermusik bis zum Ballett, und die Titel einiger Stücke
weisen denn auch auf das Fantastische, das Magische hin. E.T.A.Hoffmanns
"Der Goldene Topf" ist Grundlage eines Balletts, "Gewitterzauber"
heißt ein Orchesterstück aus dem Jahr 1983. Indes wäre
Lepo Sumera kein Este, wenn ihm nicht hie und da auch einmal der
Schalk im Nacken säße, und so heißt ein Klavierstück,
das sich nonchalant auf Chopin beruft, "Pardon, Fryderyc!".
Ein weiterer Este hat wie kaum ein anderer die Musik seiner
Heimat fast wie ein Prophet in den Westen getragen: Arvo Pärt.
Das Exil liegt zeichen- und schicksalhaft über seinem Stil,
der durchaus wie jener Sumeras von archaischen Elementen durchsetzt
ist. Mit beschwörendem Ausdruck hat Pärt die bisweilen
trostlose Befindlichkeit seines Volkes musikalisch umgesetzt.
Der christliche Glaube wurde dabei zum Nährboden seines Werks,
das sich nicht selten liturgisch-formelhafter Elemente bemächtigt.
"An den Wassern zu Babylon saßen wir und weinten":
Der 137.Psalm wird da unwillkürlich zur Klage des Ausgestoßenen,
zum Aufschrei eines Mannes, der schon 1980 in den Westen ging
und seit 1982 in Berlin lebt.
Pärt wurde 1935 in Paide geboren. Auch er hat bei Heino
Eller studiert. Wie Sumera war er für einige Zeit Tonmeister
beim estnischen Rundfunk. Von einer milden Moderne ausgehend kam
Pärt zunächst zur seriellen Musik. Mitte der 70er Jahre
geriet er unter den Eindruck der mittelalterlichen Musik, die
ihn fortan zu einem sehr persönlichen Stil inspirierter Simplizität
führte. So einfach seine Tonleitern und Dreiklänge auch
wirken mögen: sie sind befangen in einer rätselhaften
Atmosphäre der Verschlüsselung.
Als er noch in seiner Heimat wirkte, war er zur Verschlüsselung
gezwungen. Hinter dem Titel "Summa" verbirgt sich eine
freie Vertonung des Credo aus der Messe. Da den Sowjets der christliche
Text nicht genehm war, versteckte ihn Pärt unter einem anderen
Namen. Auch später hatte der Komponist immer wieder um die
Aufführung seiner Musik zu kämpfen, sie wurde oft von
den Russen vereitelt, selbst in Finnland und Großbritannien.
Doch Pärt setzte sich durch. Werke wie "Tabula rasa",
"Fratres" oder "Annum per Annum", 1980 für
den Speyerer Dom geschrieben, sind in das westliche Repertoire
längst eingegangen.
Es scheint, daß Pärt sich mit der Einfachheit als
Waffe wider die Verworrenheit seiner Zeit wendet. Bekenntnishaft
sagte er: "Es ist im Leben des Menschen, es ist in der Welt
alles ganz einfach, vieles einfacher, als wir es uns vorstellen
können". Immerhin hat er jenem 137.Psalm selbst widersprochen.
Dort heißt es auch: "Wie könnten wir dem Herrn
ein Lied singen in fremdem Land?" Arvo Pärt singt sein
Lied in fremdem Land - und doch auch in seinem eigenen, inneren
Land des verschlüsselten Klangs.
Sumera und Pärt: zwei Repräsentanten der musikalischen
Neuzeit Estlands, die indes noch viele andere Gesichter hat. So
sehr sich die meisten Komponisten auf das folkloristische Erbe
ihres Landes berufen, das sich am eindrucksvollsten in den mächtigen
Sängerfesten manifestiert, so hat die estnische Instrumentalmusik
doch auch eine andere Wurzel. Die ersten professionellen Meister
des 19.Jahrhunderts lernten im Konservatorium von St.Petersburg.
Von dort brachten Musiker wie Miina Härma oder Johannes Kappel
vor allem die symphonische Romantik mit. In diesem Umfeld wirkten
Komponisten wie Rudolf Tobias, Artur Kapp und Heino Eller weiter.
Wie eine visionäre Symbiose aus russisch-orchestralem Strom
und estnischer Sagenwelt klingt Kapps Ballettmusik zum Nationalepos
"Kalevipoeg", und auch Heino Eller beschwört in
seiner herrlich strömenden Musik die Klangwärme der
nordischen Symphonik. Dieser Geist setzte sich bis in die Gegenwart
fort, und der Reichtum an estnischer Orchester- und Kammermusik
bietet dem neugierigen Mitteleuropäer noch ein unerschöpfliches
Feld für Entdeckungen.
Die estnische Oper hat das orchestrale Charisma mit den enormen
Chor-Energien Estlands machtvoll verbunden. Einer ihrer prominentesten
Vertreter ist Eduard Tubin, der zu den ersten Schülern Ellers
gehörte. Seine großen Geschichtsdramen machen ihn bisweilen
zu einem Mussorgski des Baltikums, nicht stilistisch, aber im
dichten, packenden szenischen Entwurf. Die starke Phalanx der
jüngeren Komponisten bis heute, die nicht alle zu nennen
sind, haben mit der Öffnung zum Westen mannigfaltige Einflüsse
und Anregungen zwar begierig aufgesogen, immer jedoch das starke
Profil ihrer eigenen Überlieferung bewahrt, wenn auch höchst
experimentierfreudig erweitert.
Namen wie Veljo Tormis, Jaan Rääts, Kuldar Sink, Eino Tamberg, Raimo Kangro oder Erkki-Sven Tüür stehen für die dynamischen Generationen der jüngeren Zeit, die in polystilistischer Offenheit die Musikliebe ihrer Heimat vertreten. Mag sie auch den grellen Provokationen der westlichen Avantgarde in ihren manchmal einfachen und durchschaubaren Strukturen völlig fern sein: Sie ist nicht minder erfinderisch, fantasievoll und zukunftsweisend.