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"Gestatten: Beckmesser!"
Vom Wesen und Unwesen des Musikkritikers
Ein Vortrag von Ulrich Hartmann

Sehr verehrte Damen und Herren,

vielleicht kennen Sie das Lied - ein recht berühmtes Lied -, aus dem die folgenden Zeilen stammen (eigentlich müßte ich es Ihnen ja vorsingen, aber da meine Singstimme wohl keinem Musikkritiker Stand halten würde, erspare ich Ihnen das lieber)  - also:

Ich hab' zwar ka' Ahnung, was Musik ist,
denn ich bin beruflich Pharmazeut.
Aber ich weiß sehr gut, was Kritik ist:
Je schlechter, umso mehr freun sich die Leut'.

Für die, die's nicht erkannt haben: Das stammt aus Georg Kreislers "Musikkritiker", auf den ich gelegentlich noch zurückkommen werde. Wie wir wissen, berühren Satiren und Parodien dieser Art ja auch immer ein Stück Wahrheit, und das Kreisler-Chanson ist bestimmt auch deshalb so bekannt und beliebt geworden, weil darin eine Figur endlich einmal genüßlich durch den Kakao gezogen wird, deren Lustgewinn - folgt man den vielen landläufigen Klischees - doch nur auf Vernichtung und Bosheit beruht. Wie singt doch der "Musikkritiker": "Es gehört zu meinen Pflichten, Schönes zu vernichten als Musikkritiker", und "Hindemith, Strawinsky und Varèse / sind zwar gut, doch ich bin beese".

Tatsächlich haben ja Komponisten und Musiker aller Zeiten ihre liebe Not mit dem Kritiker gehabt, und manchmal mutierten die lästigen Besserwisser sogar zur leibhaftigen Karikatur auf dem Musiktheater: Bestes und bedeutendes Beispiel dafür ist der Schreiber Sixtus Beckmesser in Wagners "Meistersingern", fast schon das Urbild des lächerlichen Querulanten, der selbst nichts kann und dennoch die Künstler nach dem Motto heimsucht: "Ich hab' diesen Posten schlau erbeutet, und ich hasse nichts so wie Musik! Und dass mir Musik so nichts bedeutet, zahl' ich jetzt den Musikern zurück!"

Nun bin ich allerdings natürlich nicht hierher gekommen, um meinen Berufsstand zu demontieren und dem Spott preiszugeben. Wir wollen uns also - gerade am Beginn der Fastenzeit - dem Thema auch mit gebührendem Ernst annähern. Das will ich zumindest versuchen, wobei es mir kaum gelingen dürfte, das Thema erschöpfend auszuleuchten. Ich darf gleich zugeben, dass mir bei der Vorbereitung ein Manuskript meines geschätzten Kollegen und ehemaligen Feuilletonchefs der Badischen Neuesten Nachrichten, Herrn Karlheinz Ebert, in die Hände fiel, verfasst aus ähnlichem Anlass und eigentlich zum gleichen Thema, nämlich über "Licht und Schatten der Musikkritik". Und weil ich darin soviel Geistreiches, Erhellendes und Interessantes gefunden habe, wäre es doch schade gewesen, wenn ich dieses Referat nicht als Steinbruch meines eigenen Exkurses verwendet hätte, zumal mir der freundliche Kollege dies auch ausdrücklich gestattet hat... (Ich bin also bekennender Plagiator.)

Sie haben bestimmt bemerkt, dass sich ein kleiner Fehler bei unserem Thema eingeschlichen hat: das völlig überflüssige, wer weiß wie dahingekommene Fragezeichen: "Vom Nutzen und Nachteil der Musikkritik?" Nun wissen wir, dass kleinste Fehler dieser Art fatale Folgen haben und dem Ganzen eine völlig andere Richtung geben können - wie etwa damals, als, sei es Legende oder die Wahrheit, die Setzer unserer Zeitung zuschlugen. Zur Bundesregierung gehörte einst ein Innenminister namens Zimmermann, und der trat wegen einschlägiger Querelen zurück. Die Bildzeile auf der Seite 1 wollte sagen: "Innenminister Zimmermann in Ungnade gefallen" - aber ein paar purzelnde Buchstaben machten daraus: "Innenminister Zimmermann in Uganda gefallen"...

Nun, so folgenschwer ist unser Fragezeichen natürlich nicht, aber es gibt mir immerhin die Freiheit, eher freizügig vorzugehen und auch nicht immer so ganz bierernst zu bleiben, zumal ich kein Wissenschaftler und somit auch nicht unbedingt des methodischen Verfahrens fähig bin. Eher bunt gemischt als wohlgeordnet wird demnach im Folgenden mein Versuch ausfallen, auf Vorurteile ebenso einzugehen wie auf Geschichtliches zum Thema, auf die Maßstäbe eines Kritikers, die Frage nach dem Publikum, für das er schreibt, auf das Korsett, das ihm die nicht selten heiklen Verhältnisse der örtlichen Musikszene anlegt, aber auch auf die Veränderungen seiner Funktion im Hinblick auf die moderne Medienwelt - kurz: Ist der Musikkritiker bisherigen Zuschnitts in Zukunft überhaupt noch gefragt?

Aber fragen wir uns zunächst ganz einfach, was es soll, wenn einer folgendes schreibt:

"Von der Schönheit Schubertscher Melodie zog er die Maske ab. Unter ihr schwelte das gefährlichste Feuer; es erhitzte sich mit jedem Takt der in ferne Seligkeiten ausschweifenden Klavierkantilene mehr und so stark, bis wieder nächtlicher Phantasieblitz, im Brendelschen Akkordschlag von weltvernichtendem Strahl, zur reinigenden Entladung kam." (Frankfurter Rundschau)

Dies schrieb die Frankfurter Rundschau. Kein Wunder, das man alles mögliche über den Musikkritiker denkt, nur meist nichts gutes. Folgen wir also einmal all den Vorstellungen und Vorurteilen, die dieses Metier begleiten. Das Wortgeklingel zu Brendels Klavierspiel legt nahe, dass sich manche Kritiker selbst als Künstler sehen: Hier wird heroisch um Sprache gerungen. Große Musik, große Interpreten - da müssen doch wohl auch große Worte her. Nicht selten führt der noble Anspruch zu amüsantem Scheitern. Ich zitiere:

"Es war Bach, und es war mehr. Und weil es von dem "Mehr" etwas zu viel war, war es auch wieder weniger." (Rheinischer Merkur)

Dieses Beispiel stammt übrigens aus dem Rheinischen Merkur. - Folgen wir weiter dem gängigen Kritikerprofil: Was ist er noch, der Musikkritiker? Er ist arrogant, denn obwohl er's selber nicht besser kann, legt er sogar beim Starvirtuosen jeden Ton auf die Goldwaage: Das gleicht sozusagen dem Versuch des Stümpers, den Meister zu belehren. Hier greift Karlheinz Ebert, selbst ein begnadeter Gourmet,  zu einem hübschen Vergleich, und ich komme garnicht umhin, ihn zu zitieren:

"Es gibt eine gängige Antwort auf diesen Vorwurf, wonach ein Feinschmecker ja auch die Qualität eines Gerichts oder eines Menus treffend zu beurteilen vermag, unabhängig davon, ob er selbst in der Lage ist, es auch zuzubereiten. Diese Entgegenung ist freilich um nichts weniger töricht als der Vorwurf, der sie herausforderte, solange sie nicht die Erwartung mit einschließt, dass der Feinschmecker genau so wie der Kritiker auch wissen und begründen soll, warum ihm eine Sache schmeckt oder auch nicht, an welchen Ingredienzien es vielleicht fehlte oder welche Zutaten fehl am Platze waren". Zitat Ende.

Zurück zu unserer Revue der Vorurteile: Der Kritiker, Wortkünstler und Besserwisser ist auch noch heimtückisch, denn während sich der Künstler angestrengt und mit Schweißperlen auf der Stirn auf dem Podium produziert, sitzt der Kritiker bequem im Parkettpolster und schießt dann ebenso hämisch wie anonym aus der Hüfte. Nun, wir werden sehen, dass der liebe Gott auch vor die Ernte des "Schreiberlings" den Schweiß gesetzt hat...

Und noch ein letztes, besonders skurriles Vorurteil, das mir selbst einen unvergessenen Augenblick beschert hat. Der Musikkritiker, so wird offenbar geglaubt, ist in der Regel ein alter Herr: Eine recht charmante Leserin enttarnte mich in der Konzertpause. Sie sagte: "Was, Sie sind der Ulrich Hartmann, der immer in der Zeitung schreibt? Sie sind ja noch recht jung. Ich dachte immer, Sie seien so ein alter, gemütlicher Mann mit silbergrauem Haar!" Ich gebe zu, dass der Charme dieser Dame in diesem Moment für mich auf ein Minimum schrumpfte.

Nun, beginnen wir mit den "Aufräumarbeiten", also damit, mit manchem Zerrbild des sogenannten Kritikers aufzuräumen. Ich gestehe offen, dass mir die Bezeichnung "Kritiker" garnicht gut gefällt, sie führt nämlich leicht in die Irre. Mancher verknüpft allein schon wegen ihres scharfen Klangs die pure Negation mit dem Kritiker, der wohl in erster Linie nur die Aufgabe habe, das Haar in der Suppe zu finden. Zunächst aber ist auch er wie jeder andere Journalist auch schlicht ein Berichterstatter, der sich tunlichst wie seine Kollegen in anderen Ressorts auch eines Höchstmaßes an Objektivität befleißigen sollte. Nun wissen wir, dass ein Konzert, eine Ausstellung oder eine Theateraufführung nicht einfach in das Gewand nüchterner Nachrichten zu hüllen ist, gleichwohl hat auch die Kritik in erster Linie dem Bedürfnis der Leserschaft nach Information zu folgen, Fragen nach Art und Inhalt eines Werks zu beantworten, auch die Bilderwelt und Bewegungsabläufe einer Inszenierung zu schildern. Angesichts dieser Aufgaben reicht es nicht, wenn sich der Kritiker allein in der Rolle des unerbittlichen Kunstrichters sieht.

Dass die Bewertung des Ganzen in der Natur der Sache liegt, steht auf einem anderen Blatt. Hierbei ist zu bedenken, dass der Begriff Kritik, der ja auf das Griechische zurückgeht, ursprünglich mit der Bedeutung des Sichtens, Aussonderns, Scheidens, Unterscheidens, der Auslese, des Billigens, Gutheißens, Urteilens und Beurteilens zu tun hat. Gottlob darf der Kritiker also auch etwas gut finden, um seine Berufsbezeichnung zu rechtfertigen. Die wirklich großen Kritiker der Geschichte haben brillant bewiesen, dass man ja das Schlechte oder Mangelhafte nennen kann, ohne das Gute zu verschweigen. Und je differenzierter sie ihren Tadel begründeten, umso mehr bewiesen sie ihre Kompetenz.

Hier kommen wir wieder in das Umfeld Richard Wagners und zu einem seiner schärfsten Kritiker, der schlechthin als Musikpapst des 19.Jahrhunderts in die Geschichte eingegangen ist. Um ein Haar hätte ihm Wagner sogar in den "Meistersingern" ein hämisches Denkmal gesetzt, denn wie es heißt wollte er den Beckmesser ursprünglich "Hans Lick" nennen. Diese ebenso direkte wie plumpe Verunglimpfung hat sich der Bayreuther Meister dann doch versagt, denn jedermann hätte sofort das berühmte Opfer solchen Spotts erkannt: Eduard Hanslick, hochgeachteter Musikprofessor in Wien (und übrigens promovierter Jurist), gefürchtet wegen seiner brillanten Attacken gegen Wagner und Bruckner.

Es lohnt sich, bei Hanslick nachzulesen. Gehören heute - da mag die literarische Fähigkeit des Kritikers noch so ausgeprägt sein - Kritiken nach dem Motto "Nichts ist so alt wie die Zeitung von gestern" zu den vergänglichsten und kurzlebigsten Produkten, so haben die geschliffenen Schriften Hanslicks als Lesevergnügen ersten Ranges die Zeiten überdauert. Und um Ihnen dieses Vergnügen nicht vorzuenthalten, möchte ich Ihnen einige Kostproben geben. Zunächst die Kritik eines Philharmonischen Konzerts in Wien aus dem Jahr 1881. Sie ist, wie ich meine, sehr typisch für Hanslicks Stil, in dem sich Witz und Sachverstand auf der einen, aber auch bissige Polemik mit blankem Irrtum auf der anderen Seite paaren. Er schreibt:

"Mozarts D-Dur-Serenade Nr.9 gehört, wie die ganze halbverschollene Gattung der Serenaden, einer mehr begleitenden, dekorativen Art von Musik an. Am rechten Orte - einem alten Schlosspark womöglich - und zur rechten Zeit, in duftiger Sommernacht, mag sich solche Musik wie Balsam um unsere halbwachen Sinne und Empfindungen legen. Heute, ein Jahrhundert nach ihrere Entstehung, bietet sie als selbständige Konzertnummer unserem musikalischen Nachdenken und Nachfühlen zu wenig substantiellen Gehalt; sanft und sachte rieselt sie ohne tieferen Eindruck an uns herab.

Eine neue Bekanntschaft, die wir dem Philharmonischen Konzert verdanken, ist der königliche Hof-Pianist Herr Heinrich Barth aus Berlin. Die echt germanische, kraftstrotzende Erscheinung dieses blondvollbärtigen Künstlers mochte in ängstlichen Gemütern die Besorgnis erregen, er werde vielleicht das Klavier zusammenschlagen. Um so angenehmer war man überrascht, als Herr Barth ein überaus zartes, elegantes und geschmackvolles Spiel entfaltete, das, ohne weichlich zu werden, doch gerade durch seine Mäßigung und ruhige Anmut gefiel. Herr Barth spielte Beethovens G-Dur-Konzert, wohl das schwierigste des Meisters, mit großem Erfolg.

Gegen ein Mozartsches Divertimento (Nr.1) müssen wir dieselben Bedenken, sehr verstärkt, aussprechen, welche die Mozartsche D-Dur-Serenade uns abgenötigt hat. In dem Divertimento ist Mozartscher Klang und Mozartsche Form, aber nicht Mozarts Geist, wie er hell und stark aus des Meisters reifen Schöpfungen uns entgegenleuchtet. Fanden wir in jener "Serenade" anmutige Gesellschaftsmusik, die wir uns in stimmungsvoller Umgebung als wirksam wenigstens vorstellen können, so entlockt uns das Divertimento aus Mozarts fünfzehntem Lebensjahr (1771) nicht einmal dieses Zugeständnis. Bei aller Bewunderung für die märchenhaft frühe Entwicklung seines Talentes fühlen wir doch heute keinerlei Bedürfnis, auf die verschollenen Anfänge des fünfzehnjährigen Mozart zurückzugehen; sie sind Sache des Musikhistorikers, nicht des Konzertpublikums. Jede Mozartsche Symphonie wäre uns willkommener gewesen als diese Klänge einer verblichenen Geselligkeit, mit der uns kein intimes Band mehr verknüpft. Das Divertimento hat vier Sätze, glücklicherweise kurze Sätze, die nicht Zeit haben, langweilig zu werden. Einen günstigeren Stand hätte Mozarts Jugendwerk gehabt, wäre es unmittelbar nach dem Tschaikowskyschen Violinkonzert gespielt worden, statt vor demselben: wem eben Branntwein eingegossen worden, der heißt einen Trunk klaren Wassers gewiss willkommen. Der Violinvirtuose A.Brodsky war übel beraten, indem er sich mit dieser Komposition dem Wiener Publikum zuerst vorstellte. Der russische Komponist Tschaikowsky ist sicherlich kein gewöhnliches Talent, wohl aber ein forciertes, geniesüchtiges, wahl- und geschmacklos produzierendes. Was wir von ihm kennengelernt, bot (etwa mit Ausnahme des leichtfließenden pikanten D-Dur-Quartetts) ein seltsames Gemisch von Originalität und Rohheit, von glücklichen Einfällen und trostlosem Raffinement. So auch sein neuestes, langes und anspruchsvolles Violinkonzert. Eine Weile bewegt es sich maßvoll, musikalisch und nicht ohne Geist, bald aber gewinnt die Rohheit Oberhand und behauptet sich bis ans Ende des ersten Satzes. Da wird nicht mehr Violine gespielt, sondern Violine gezaust, gerissen, gebläut. Ob es überhaupt möglich ist, diese haarsträubenden Schwierigkeiten rein herauszubringen, weiß ich nicht, wohl aber, daß Herr Brodsky, indem er es versuchte, uns nicht weniger gemartert hat als sich selbst. Das Adagio mit seiner weichen slavischen Schwermut ist wieder auf bestem Wege, uns zu versöhnen, zu gewinnen. Aber es bricht schnell ab, um einem Finale Platz zu machen, das uns in die brutale, traurige Lustigkeit eines russischen Kirchweihfestes versetzt. Wir sehen lauter wüste, gemeine Gesichter, hören rohe Flüche und riechen den Fusel. Friedrich Vischer behauptet einmal bei Besprechung lasziver Schildereien, es gebe Bilder, 'die man stinken sieht'. Tschaikowskys Violinkonzert bringt uns zum erstenmal auf die schauerliche Idee, ob es nicht auch Musikstücke geben könne, die man stinken hört."

Hanslick schrieb übrigens nicht nur pointierte und angriffslustige Musikkritiken, sondern auch eine ganze Reihe launiger Aufsätze und Betrachtungen, zu der ein amüsanter Essay über "Gemeine, schädliche und gemeinschädliche Klavierspielerei" gehört. Der passt, wie ich zugebe, zwar nicht ganz unmittelbar zu unserem Thema, aber zwei köstliche Auszüge daraus möchte ich Ihnen schon deshalb gönnen, weil auch dieser Text ein vorzügliches Beispiel dafür ist, wie pfiffig sich Sprache der Musik annähern kann. Hier also ein Exkurs zur pianistischen Folter Anno 1881:

"Die Qualen, die wir täglich durch nachbarlich klimpernde Dilettanten oder exerzierende Schüler erdulden, sind in allen Farben oft genug geschildert. Ich glaube allen Ernstes, daß unter den hunderterlei Geräuschen und Mißklängen, welche tagsüber das Ohr des Großstädters zermartern und vorzeitig abstumpfen, diese musikalische Folter die aufreibendste ist. In irgendeine wichtige Arbeit oder ernste Lektüre vertieft, der Ruhe bedürftig oder nach geistiger Sammlung ringend, müssen wir wider Willen dem entsetzlichen Klavierspiel neben uns zuhören; mit einer Art gespannter Todesangst warten wir auf den uns wohlbekannten Akkord, den das liebe Fräulein jedesmal falsch greift; wir zittern vor der Passage, bei welcher der kleine Junge unfehlbar stocken und nun von vorn anfangen wird. In diesem psychologischen Zwang, dem verwünschten Klavierspiel mehr oder minder aufmerksam zu folgen, liegt wohl hauptsächlich die quälende Spezialität gerade dieses Geräusches...

Dem Leser wird das unverhältnismäßige Übergewicht der weiblichen Pianisten aufgefallen sein. Ein schlimmes gesellschaftliches Symptom! In der Tat gebührt den Klavierspielerinnen eine eigene Strophe, und nicht die heiterste, in unserem heutigen Klageliede. Es geht mit der Klaviervirtuosität in Deutschland jetzt ungefähr so wie in England mit der Romanschriftstellerei - beide sind fast gänzlich in den Händen der Damen. Wenn wir englische Buchhändleranzeigen durchsehen, so kommt etwa auf ein Dutzend Romane von weiblichen Autoren einer von männlicher Herkunft; eine Heerschau über unsere Konzertzettel ergibt ungefähr dasselbe Verhältnis zwischen Pianisten und Pianistinnen. Ja, in mancher Saison verschwinden bereits die Klaviervirtuosen völlig gegen eine Übermacht ihrer "tastenden" Schwestern. Daß die jetzt überall etablierte Fräuleinherrschaft auf dem Klavier weder dem Fräulein noch dem Klavier zu großem Vorteil ausschlägt, wird jeder Kundige zugeben. Die Analogie mit den Romanschriftstellerinnen hört auch bezüglich der Qualität nicht ganz auf: wir haben viele tüchtige Pianistinnen, einige vorzügliche, hie und da erreicht einmal eine die Höhe ausgebildeter männlicher Kunst..."

Soweit Hanslick zur gemeinschädlichen Klimperei. Ich hoffe, meine Damen, Sie haben Hanslicks frauenfeindliche Äußerungen als durchaus ironischen Feinsinn erkannt.

Fürwahr: Das bietet in der Tat ein erlesenes Lesevergnügen. Zweierlei fällt bei der zunächst zitierten Kritik auf: Zum einen die ungewöhnliche Ausführlichkeit, die in einer heutigen Tageszeitung undenkbar wäre, und der breite Raum, den Hanslick dem Werk und dem Komponisten einräumt. Auch da hat sich vieles geändert. Die Werkkritik von einst ist inzwischen weitgehend der Interpretationskritik gewichen, denn Konzertsaal und Opernhaus gleichen heute eher einem Museum als einer Stätte, an der mutig Neues geprobt und propagiert wird. Hanslick hatte noch das Glück, Werke wie etwa das "Deutsche Requiem" von Brahms, dessen Sinfonien, die Opern "Carmen" und "Otello", die zu seiner Zeit aus der Taufe gehoben wurden, als taufrische und brandneue Musik zu hören und zu beschreiben. Uraufführungen dieser Größenordnung sind für den Kritiker von heute eher eine Seltenheit, auch wenn das Gebiet der Neuen Musik einen nicht minder großen Tummelplatz darstellt. Der gleicht indes eher einem verwirrenden Exprimentierfeld, auf dem alles erlaubt und gewünscht ist, als einer fasslichen Größe. Immerhin bewegten sich die Novitäten, mit denen es Hanslick zu tun hatte, innerhalb solcher musikalischer Koordinaten, mit denen Publikum und Presse vertraut waren.

Das ist heute ganz anders. Nun ist allerdings Vorsicht geboten, denn wer sich mit dem Thema Neue Musik auseinandersetzt, bewegt sich durchaus auf heiklem Gelände. Wer möchte sich schon als Ewig-Gestriger schelten oder nachsagen lassen, er sei nicht offen genug für Neues. Soeben war ja von einer gewissen musealen Musikpflege die Rede, und durchaus neu-gierig zu sein, sollte im natürlichen Interesse eines jeden Musikfreunds liegen. Aber Hand auf's Herz: Wir tun uns schwer, wenn es um allerneueste Tonkunst geht. Ich würde Sie, meine Damen und Herren, gerne auf die Probe und damit eine Gretchenfrage stellen: Sie gehen ins Konzert und dort erwartet Sie - wie mich vor einigen Jahren - ein leerer Öltank. Darin eingeschlossen ist der Schlagzeuger, bewaffnet nicht mit den handelsüblichen Schlegeln, sondern mit einem Hammer und - zur Befreiung aus seiner mißlichen Situation - mit einem durchaus funktionstüchtigen Schweißgerät. Dieser Schlagzeuger verdiente übrigens meine ehrliche Bewunderung, denn ich weiß nicht, welche Gemütsbewegung mich in jenem Öltank erfasst hätte. Er jedenfalls machte sich mit äußerstem Gleichmut und souveräner Beharrlichkeit ans Werk. Und dies bedeutete denn auch den größten Vorteil der Komposition. Nach und nach nämlich schweißte er eine runde Scheibe aus dem Tank, und aus dem Fortgang dieser Bemühung ließ sich leicht erraten, wie lange das Stück noch dauern würde, denn es gab immerhin die trostvolle Verheißung, daß dieses Werk mit dem Durchbruch und der Flucht des Schlagzeugers aus seinem Stahlgefängnis beendet sei. Nun, unterm Strich währte der heroisch-geräuschvolle Befreiungsakt rund eine, gerade noch bekömmliche Stunde. Aber die kann trotzdem recht lang werden, zumal angesichts des Frontalangriffs aufs Trommelfell. Der Komponist hatte dies wohl bedacht und sorgte inzwischen für entsprechende Kurzweil. Ein ebenfalls beteiligtes Instrumentalensemble erging sich inzwischen lustwandelnd und plaudernd in launigen Improvisationen und verblüffte das geneigte Publikum sodann durch einen veritablen kriminellen Akt: Die Musiker knebelten den Dirigenten, führten ihn ab und schleiften den Gepeinigten gleich darauf wieder gefesselt ans Dirigentenpult. Das Ganze hieß - weiß der Kuckuck warum - "Seiltanz", und sein Schöpfer war ein gestandener Rom-Preisträger, nämlich Hans-Joachim Hespos.

Nun aber zu meiner Gretchenfrage: Stellen Sie sich vor, dieses Werk sei, wie vieles andere auch, auf CD verewigt worden - würden Sie sich der Anhörung dieser akustischen Herausforderung nach Feierabend gerne und mit Genuß hingeben?! Zugegeben: Meine etwas respektlose Schilderung des Werks war nicht sehr fein, aber gerade hier frage ich nach Nutzen und Nachteil der Musikkritik. Wie soll ein Kritiker seiner Rolle als Vermittler, vielleicht sogar als Geburtshelfer neuer Musik nachkommen, wenn sich der Komponist und seine Interpreten selbst erst garnicht die Mühe machen, ihr Tun dem Publikum plausibel zu machen, oder zu versuchen, die Aufmerksamkeit der Hörerinnen und Hörer mit suggestiver Klangkunst zu bezwingen. Die Neue Musik, so meine ich, gefällt sich oft als durchaus arrogantes Rätselspiel. Ich weiß durchaus, dass ich mich in diesem Punkt im Widerspruch mit der Mehrzahl meiner Kollegen befinde: Wie groß ist doch die Angst in der Kritikerzunft, man könne als Dummkopf oder Banause entlarvt werden. Der Ausweg des Kritikers, der selbst nichts mit dem Gebotenen anfangen kann, aber das nicht zugeben will, sind zumeist wortreiche Nebelschwaden, ja eitles Kunstgeschwätz, das den eigenen Unwillen nur mühsam überdeckt. Ja es gibt im Bemühen der Kritikerzunft, jedem Verdacht der Inkompetenz aus dem Weg zu gehen, sogar Uraufführungen, bei denen mehr Kritiker aus dem ganzen Lande anwesend sind als zahlende Zuhörerinnen und Zuhörer. Ich weiß, wovon ich spreche, denn ich habe Aufführungen vor kleinstem Auditorium erlebt und mich danach sehr gewundert, wie mächtig der deutsche Feuilleton-Blätterwald danach rauschte.

Ich halte es da, ehrlich gesagt, gegebenenfalls eher mit Hanslicks Prinzip der klaren, herzhaften und ehrlichen Ablehnung - was natürlich nicht heißt, alles Neue über Bausch und Bogen zu verdammen, zumal sich die Karlsruher glücklich schätzen dürfen, einen Meister in ihrer Mitte zu wähnen, der seine zu Recht hochgelobten Stücke noch durchaus konventionell in herkömmlichen Partituren zu notieren versteht - nämlich Wolfgang Rihm. Im übrigen propagiere ich freimütig das Recht des Kritikers, sich irren zu dürfen. Es mindert die Redlichkeit und das tiefe Wissen um die Musik eines Eduard Hanslick doch nicht im geringsten, dass er Tschaikowsky in dem oben erwähnten Artikel verkannte, dass er Bruckners Symphonien zu "sinfonischen Riesenschlangen" degradierte und dass er Richard Wagner so pointenreich bekämpfte. Er befindet sich dabei übrigens in bester Gesellschaft: Denken wir etwa an Johann Adolf Scheibe, der 1737 seinen "Critischen Musicus" herausbrachte und die angebliche Schwülstigkeit der Musik Johann Sebastian Bachs branntmarkte und behauptete, sie streite wider die Vernunft. Oder Johann Nikolaus Forkel, der Christoph Willibald Gluck für einen "verirrten Künstler" hielt. Oder Johann Friedrich Reichardt, der Mozart lange Zeit entschieden ablehnte. Insofern sollte die Musikwelt getrost abwarten, was die Bücher der Musikgeschichte in fünfzig oder hundert Jahren zur Musik von heute, also auch die von Wolfgang Rihms, verzeichnen werden. Wie ich ihn kenne, ist er souverän genug, um dies mit gleicher Gelassenheit zu sehen - und seinen Kritikern nicht das zu wünschen, was manche Künstler ihren schreibenden Peinigern vermutlich sehnlichst wünschen: das Gefängnis. Dort landete nämlich Heinrich Friedrich Ludwig Rellstab, im 19. Jahrhundert einer der berühmtesten Musikkritiker seiner Epoche. Seine Attacke gegen die Sängerin Henriette Sontag brachte ihm drei Monate Knast ein, sein Angriff auf Gaspare Spontini sechs Wochen. Ich bin froh, nicht sein Zeitgenosse gewesen zu sein, sonst säße ich womöglich lebenslänglich hinter Gittern...

Ich habe Hanslick erwähnt, und sollte bei einem Rückblick auf die Geschichte der Musikkritik Namen wie Heinrich Heine, Robert Schumann oder George Bernhard Shaw zumindest erwähnen. Sie hatten wie der Wiener Musikpapst noch das Glück, ihre Musikkritik mit jener Poesie zu verbinden, die der Kunst, mit der sie sich beschäftigten, ja auch angemessen ist. So schrieb Schumann über die erste Etüde op.25 von Chopin voller Hingabe: "Denke man sich, eine Äolsharfe hätte alle Tonleitern, und es würfe diese die Hand eines Künstlers in allerhand phantastischen Verzierungen durcheinander, doch so, daß immer ein tieferer Grundton und eine weich fortsingende höhere Stimme hörbar - und man hat ungefähr ein Bild seines Spieles. Kein Wunder aber, daß uns gerade die Stücke die liebsten geworden, die wir von ihm gehört, und so sei denn vor allem die erste in As-Dur erwähnt, mehr ein Gedicht als eine Etüde. Man irrt aber, wenn man meint, er hätte da jede der kleinen Noten deutlich hören lassen; es war mehr ein Wogen des As-Dur-Akkords, vom Pedal hier und da von neuem in die Höhe gehoben; aber durch die Harmonien hindurch vernahm  man in großen Tönen Melodie, wundersame, und nur in der Mitte trat einmal neben jenem Hauptgesang auch eine Tenorstimme aus den Akkorden deutlicher hervor. Nach der Etüde wird's einem wie nach einem sel'gen Bild, im Traum gesehen, das man, schon halbwach, noch einmal erhaschen möchte."

Schließlich und endlich sollten wir uns nochmals der eigentlichen Frage dieses Vortrags zuwenden, die sich an Ciceros "Cui bono?" anlehnt: Wem nützt und wem schadet die Musikkritik? Wollen wir prüfen, welcher Nutzen oder Nachteil sich mit der Arbeit des musikalischen Berichterstatters verbindet, müssen wir zunächst bedenken, dass sich die Kritik geradezu in einem ganzen Netzwerk von Interessen verfängt. Oberste Priorität genießen hierbei natürlich die Leserinnen und Leser, und sie können mit Fug und Recht gleich mehrere Ansprüche an die Musikkritik anmelden. Sie dürfen zum Beispiel erwarten, dass sich der Autor der Kritik bestens auskennt, dass er kompetent ist. Was nützt es, wenn der Kritiker ein Flöte hört, die im Konzert garnicht dabei gewesen ist - auch das hat es schon gegeben... Dann darf die Leserschaft erwarten, dass die Kritik möglichst anregend und unterhaltsam, zumindest aber in brauchbarem Deutsch geschrieben ist. Und schließlich erwartet sie, dass der Kritiker ihr einen Bericht liefert, in dem sie nach dem Konzert- oder Opernbesuch auch das selbst Erlebte und Empfundene doch irgendwie wiederfinden kann. Und das Zeitungspublikum registriert sehr wohl, ob der Kritiker über die nötige menschliche Sensibilität verfügt, mit der Künstlerin oder dem Künstler gerecht und anständig umzugehen. Wer aber, bitteschön, verfügt über all diese hehren Kriterien? Und noch komplizierter wird die Sache bei dieser Interessentengruppe noch dadurch, dass sie sich spaltet. Der Leser: Das ist hier der Fachmann, dort der Laie. Der Fachmann erwartet analytische Details, verachtet andernfalls die nivellierende Simplizität des einfältigen Kritikers. Der Laie, nicht wissend, was Kontrapunkt oder gar "sotto voce" bedeutet, will - völlig zu Recht -, dass ihm der Kritiker selbst komplizierte musikalische Sachverhalte einfach und verständlich darlegt. Übrigens am Rande: Wer meint, ein gewisses Grundwissen selbstverständlich voraussetzen zu dürfen, sollte sich nicht täuschen. Eine entsprechende Erfahrung machte ich in einem ganz anderen Zusammenhang. Bei einer Gesellschaft saß mir eine sehr nette Dame gegenüber. Sie hatte meinen Namen vergessen und frage zwischendurch: "Entschuldigung, wie war doch ihr Name?" Ich sagte: "Hartmann, wie der Hartmann von Aue". Das kriegte sie nicht so ganz mit und meinte: "Ach, Sie sind aus Durlach-Aue"...

Außer den bereits genannten Punkten spielen bei der Musikkritik noch viele andere Gesichtspunkte eine Rolle, die nicht unbedingt nur mit Musik zu tun haben. Mancher Interpret weckt im Publikum ungeahnte Emotionen. Das merkte ich nach einem Konzert des Pianisten Tzimon Barto in Karlsruhe vor einigen Jahren. Der Mann am Klavier, hochgewachsen, schlank, viril und bestens aussehend, spielte auch noch Liszt, nämlich den ganzen Abend die höchst wirkungsvollen "Études d'exécution transcendante". Am Ende gab es einen Gipfel virtuoser Berechnung: Der Pianist donnerte den Schlußakkord so kraftvoll, dass der Flügel wie magisch bewegt hinweg glitt. Nun, ich erlaubte mir trotzdem, das technisch nicht unbedingt sehr präzise Spiel Bartos in meiner Kritik genauer unter die Lupe zu nehmen und wagte es, entsprechende Mängel zu nennen. Am nächsten Tag meldeten sich ausschließlich Leserinnen, zum Teil außer sich vor Entrüstung, dass mein Bericht an der betörenden Aura dieses fingerfertigen Himmelsboten gekratzt hatte. Ich habe selten an einem Vormittag in der Redaktion so massive weibliche Schwärmerei erlebt wie damals.

Nun, meine Damen und Herren, die Lage des Musikkritikers ist, wie Sie sehen, gewiss nicht unbedingt beneidenswert. Als Diener vieler Herren soll er es allen recht machen. Ein Blick hinter die Kulissen des journalistischen Alltags wird manchen überraschen, der glaubt, poetische, blumige und noch so feinsinnige Artikel seien die Frucht beschaulicher Kontemplation und stiller Zurückgezogenheit. Diese gängige Ansicht erklärt auch die Frage, die unsereinem immer wieder gestellt wird: Was machen Sie eigentlich tagsüber? Für manchen freien Mitarbeiter mag es ja noch zutreffen, dass er seine Besprechung in aller Ruhe zu Papier bringt. Der zuständige Redakteur kann sich dies nicht leisten. Die Produktion von Artikeln ist in einer Redaktion wie etwa der unsrigen eher eine marginale Beschäftigung. Im Mittelpunkt der täglichen Arbeit stehen die Planung, Sichtung von jeder Menge Material, die Seitenproduktion einschließlich der ganzen Kleinarbeit wie Terminbesetzungen, Ankündigungen, Layout und vieles mehr. Und dazu klingelt fast pausenlos das Telefon. An manchen Tagen grenzt es da fast schon an ein Wunder, wenn für die Formulierung der Kritik eine Stunde oder zwei frei bleiben. Von weitschweifender Fabulierkunst, wie sie Schumann oder Hanslick noch pflegen konnten, kann im Zeitalter neuer Sachlichkeit und Kürze im Journalistengewerbe ohnehin kaum die Rede sein. Heute gilt für uns als absolute Obergrenze eine Artikellänge von rund 120 Zeilen - nach der Devise: Lange "Riemen" schrecken den Leser ab. Hierüber wird auch durchaus eifersüchtig gewacht.

Und bei allem Streß gilt es für den Kulturredakteur, auch noch ganz andere Eifersucht zu berücksichtigen. Das musikalisch-künstlerische Gefüge einer Stadt wie Karlsruhe ist empfindlich, denn nahezu jeder, der ein Konzert gibt, möchte dieses Ereignis sodann auch in der Zeitung wiederfinden. Natürlich ist es nahezu unmöglich, auf nur einer, womöglich auch noch von einer Anzeige belegten Seite alles unterzubringen. Sie können sich nun vorstellen, dass die Redaktion wegen ihrer Auswahl, die sie einfach treffen muss, immer wieder angefeindet wird. Bei der Beauftragung der Mitarbeiter und der Redaktion der Texte ist höchste Sensibilität gefragt: Der Kritiker sollte nämlich durchaus ein Mensch mit mehrerlei Maß sein: Ein Vereinsorchester ist anders zu werten als die Badische Staatskapelle, und gerade bei Laienmusikern sollte der Kritiker auch ein Gespür für all die Mühen haben, mit denen die Vorbereitung eines Konzerts gerade für sie verbunden ist.

Kehren wie nach diesem Intermezzo über journalistische Arbeitsbedingungen wieder zum Netzwerk der Interessen rund um die Kritik zurück. Außer den Konsumenten der Musikkritik gibt es freilich noch viele andere, die ihre Erwartungen an den Musikkritiker anmelden. Zunächst natürlich die zu wertenden und zu würdigenden Künstler selbst. Sie wünschen sich zumeist eine "gute Kritik" - die wird ausgeschnitten, dann - zur wirkungsvollen Demonstration des eigenen Ausnahmerangs - in die Brieftasche gesteckt, gerne auch nach besonders schlagkräftigen und hochtrabenden Attributen hin durchsucht und zur Garnierung von einschlägigen Künstlerprospekten ausgeschlachtet. - Was nützt einem Künstler Lobehudelei oder gar Schönfärberei? Natürlich nichts. Kommt die Begeisterung des Kritikers nicht aus tiefstem Herzen und ganzer Überzeugung, merkt das jeder. Manchem Musik- oder Gesangverein ist das ganz egal: Es zählen nur die Positiva, der enthusiastische Überschwang, die hemmungslose - und ebenso unglaubwürdige - Lobeshymne. Wie schädlich etwa ein Verriss überhaupt ist, läßt sich übrigens so genau nicht klären. Es ist fast schon eine Binsenweisheit, dass schlechte Kritiken das Publikum bisweilen erst recht ins Theater locken.

Außerdem freuen sich die Künstler in bestimmten Fällen durchaus über Verrisse - selbstredend nur dann, wenn sie der Konkurrenz gelten. Wie singt doch Kreislers "Musikkritiker": "Und eure Kollegen geben mir immer ihren Segen. Denn jedem Künstler ist es recht, spricht man von andren Künstlern schlecht".

Zum Netzwerk der Interessenten rund um die Musikkritik zählen auch Chefredakteure und Verleger. Sie haben das ganze Produkt der Zeitung im Auge, das an den Mann gebracht werden muss. Da zählt bisweilen weniger der Inhalt als die Länge. Die Musikkritik zählt zum Ressort "Kultur", und die ist eher ein Stiefkind publizistischen Herzbluts - kein Wunder: Was will die Kultur gegen den Sport. Was wollen, so einschlägige Erhebungen, rund fünf Prozent der Zeitungsleser gegen eine erdrückende Mehrheit, die Michael Schumacher und Oliver Kahn weit mehr interessieren als Giuseppe Sinopoli oder Kazushi Ono? Machen wir uns nichts vor, liebe Musikfreundinnen und Musikfreunde: Die Klassik bzw. sogenannte E-Musik steht im medialen Event-Zeitalter auf ziemlich verlorenem Posten. Ein Beispiel: CDs mit einem Gelegenheits-Hit wie "My heart will go on" aus James Camerons Titanic-Film gehen millionenfach über den Ladentisch, die Verkaufszahlen auf der Gegenseite sind dagegen manchmal geradezu absurd: Die hiesige Musikhochschule war vor kurzer Zeit zu Recht stolz darauf, dass Witold Lutoslawski eigens nach Karlsruhe kam, um ihr Sinfonierorchester mit eigenen Werken zu dirigieren. Der Mitschnitt dieses Konzerts wurde auf CD veröffentlicht. Der Ertrag dieses Produkts fiel ausgesprochen mager aus: Im Todesjahr des Komponisten wurde im Raum Deutschlands, Österreichs und der Schweiz nur ein einziges Exemplar dieser Aufnahme verkauft. Dazu ein weiterer Vergleich: Carlos Santana, Altmeister des Rock und Pop - Sie werden davon gelesen haben -, trat bei der jüngsten Grammy-Verleihung gegen junge Konkurrenz wie die "Backstreet Boys" an, und verkaufte innerhalb weniger Wochen nach seinem sensationellen Erfolg rund fünf Millionen CDs. Das sollte selbst uns als eingefleischten Klassik-Adepten zumindest zu denken geben - und erklären, warum es der Musikkritiker herkömmlicher Art bisweilen schwer hat, dass ihm der entsprechende Raum in der Zeitung eingeräumt wird.

Zurück zu denen, die, aus welchen Gründen auch immer, ihr Auge auf den Musikkritiker werfen. Dazu zählen - Sie werden es kaum glauben - noch ganz andere. Vor vielen Jahren besuchte ich das Konzert eines recht populären Pianisten, der inzwischen als spiritus rector der Sendung "Achtung, Klassik!" ungeahnte Seiten seines Talents entdeckt hat. Ich hörte damals seinen Klavierabend im Karlsruher Konzerthaus und äußerte mich danach kritisch - über sein Spiel, aber auch über den miserablen Zustand des Flügels, der schlecht intoniert und gestimmt war. Die Beschwerde folgte postwendend - aber nicht vom Künstler selbst, sondern von der hochberühmten Wiener Klavierfirma, die besagten Flügel nach Karlsruhe an die einschlägigen Konzertveranstalter verkaufen wollte. Der Generalvertreter der Firma erschien in der Redaktion und baute sich ebenso nutzlos wie zornig vor mir auf und versuchte mir klarzumachen, dass es meine Aufgabe ja gewiss nicht sei, seine Kundschaft so geschäftsschädigend zu beeinflussen.

Ein anderes Beispiel, es liegt ebenfalls viele Jahre zurück: Premiere "Carmen" im Badischen Staatstheater Karlsruhe. Escamillo, so Beckmesser Hartmann, bewegte sich etwas hölzern auf der Bühne. Einige Tage später meldete sich die traurige Gattin des Sängers in der Redaktion: Der Vorwurf "hölzern" hätte ihren Mann tief getroffen. Er hatte sich nämlich zuvor den Arm gebrochen, was die etwas unbewegliche Erscheinung durchaus verständlich machte. Menschliches, allzu Menschliches spielt in die Musikkritik hinein, und auch dies sollte dem verantwortungsbewußten Kritiker stets klar sein. Deshalb ist es gewiß auch nicht schädlich für ihn, sondern im Gegenteil sehr nützlich, wenn er über eigene Erfahrungen auf dem Podium verfügt: Wer einmal selbst Lampenfieber, Nervosität und überhaupt das Gefühl des unwägbaren Risikos gespürt hat, das ein Konzertauftritt mit sich bringt, wird die Leistung des zu beurteilenden Künstlers mit ganz anderen Augen sehen. Wie schrieb doch Robert Schumann: "Je gereifter das Urteil, desto einfacher und bescheidener wird es sich aussprechen. Nur wer durch zehnfach wiederholtes Lernen, durch gewissenhaftes Vergleichen in lang fortgesetzter Selbstverleugnung den Erscheinungen nachgegangen, weiß, wie spärlich unser Wissen sich mehrt, wie langsam unser Urteil sich reinigt, und wie wir demnach vorsichtig in unseren Aussprüchen sein müssen".

An anderer Stelle notierte Schumann: "Das Zeitalter der gegenseitigen Komplimente geht nach und nach zu Grabe. Wir gestehen, daß wir zu seiner Neubelebung nichts beitragen wollen. Wer das Schlimmste einer Sache nicht anzugreifen sich getraut, verteidigt das Gute nur halb". Ende des Zitats. Solche Sätze standen damals natürlich in einem ganz anderen Zusammenhang, aber auch wir stehen ja an einer Art Zeitenwende, und müssen uns fragen, wie sich das Bild und die Aufgaben angesichts medialer Umwälzungen und Veränderungen der Interessenlage auf dem Musiksektor verändern. Das Erbe derjenigen, die in der Vergangenheit die Mehrzahl der Musikfreunde anlockte, hat nicht das vergleichsweise kleine Häuflein der Anhänger der Neuen Musik angetreten, sondern es fiel mehr oder weniger in die Hände eines neuen Hörertyps. Ich denke da nicht nur die riesige Rock- und Pop-Gemeinde, sondern auch die sogenannte Event-Kultur und das einschlägige Musicalfieber. Ironie des musikalischen Schicksals: Die alten Regeln, von der Neuen Musik stolz und ambitioniert zertrümmert, leben in den tönenden Massenartikeln eines Andrew Lloyd Webber fröhlich wieder auf: Da herrscht wie selbstverständlich der klassische Tonsatz in klarem Dur und Moll, wird geradezu eifersüchtig auf schieren Wohlklang geachtet, zählen wieder die Kraft und der Zauber der romantischen Melodie.

Das herkömmliche Gefüge aus Konzert, Rundfunk und Schallplatte ist möglicherweise bald passé. Die Jungen holen sich ihr Musikerlebnis per Musikvideo aus Szenesendern wie m-tv oder viva, und das Internet ist auch als gigantische musikalische Datenbank unaufhaltsam auf dem Vormarsch. Das Interesse am Einzelereignis könnte angesicht der globalen elektronischen Vernetzung spürbar schwinden - aber noch stehen wir erst am Anfang eines Prozesses, dessen Ende noch nicht abzusehen ist.

Welche Rolle also, so fragte kürzlich die Frankfurter Allgemeine Zeitung, könnte Musikkritik noch spielen? Was wird aus dem Starkritiker, dem der Ruf der Unfehlbarkeit vorauseilt, der selbst zum Räderwerk "ewiggleicher Veranstaltungsrituale", so die FAZ, gehört. Sein Zweifel, schreibt das Blatt, "kann aber auch heißen: Distanz zu den Superklassikern", Distanz indes ebenso gegenüber monströsen Musical-Events. Wie auch immer: Das große symphonische Orchester mit dem charismatisch-autoritären Superstar am Pult sei nicht mehr der Güter höchstes, das Leben verjünge sich, neue Strukturen und neue Interesse entstünden, das Publikum verändere sich - nicht einmal selten durchaus vorteilhaft. Weiter heißt es in besagtem Artikel: "Es ist nicht die Schuld der Heutigen, wenn ihnen Beethoven nicht mehr ein und alles ist; eher die der vorigen Generationen, die den Klassiker-Kult mit dem gesellschaftlichen Establishment verknüpft haben. Die Überalterung des Konzertpublikums - in der Oper sieht die Situation günstiger aus - ist jedenfalls kein gutes Zeichen. Die Last der Jahrhunderte drückte auch auf den Kulturbetrieb, also ebenfalls auf die Kritik, die sich immer mehr mit der Kunst der Vergangenheit beschäftigen muss: Frucht des Historismus aus dem neunzehnten Jahrhundert." Zitat Ende. Der Artikel schließt mit einem merkwürdigen Ausblick: "Der traditionell autorische Musikkritiker als Orakel und Werturteils-Maschine ist dahin. Als quasi partisanenhafter Grenzgänger im ästhetisch-sozialen Diskurs sollte er aktiv bleiben."

Also bleibe auch ich weiterhin aktiv - ob unbedingt als Partisan, weiß ich noch nicht -, aber für heute stelle ich meine Aktivitäten ein und komme zum Schluß. Sollten Sie sich, was zu befürchten ist, wieder einmal über einen Musikkritiker ärgern, so denken Sie vielleicht an das, was die Stuttgarter Nachrichten einmal über Literaturpäpste schrieben und was durchaus auch für deren Musikkollegen gilt:

 "Auch Literaturpäpste kennen nicht die unbefleckte Artikel-Empfängnis." (Stuttgarter Nachrichten)

Ich danke Ihnen herzlich für Ihre Aufmerksamkeit!
 

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