Badische Neueste Nachrichten, 9.3.2003

 Neeme Järvi gilt als einer der führenden Dirigenten der Gegenwart

 Der Große aus dem kleinen Land propagiert die Musik des Nordens

In der kommenden Woche gibt der Este mit den Göteborger Symphonikern ein Konzert im Brahmssaal der Karlsruher Stadthalle

Er ist ein ganz Großer und kommt aus einem kleinen Land: Neeme Järvi, der gefragte Dirigent und Chef der Göteborger Symphoniker, ist Este, und auch wenn er inzwischen in den bedeutenden Musikzentren der Welt Furore macht, hat er seine Heimat nicht vergessen, im Gegenteil. Im Gespräch mit dieser Zeitung erwähnt er begeistert die großen Sängerfeste Estlands: Chöre aus 33 000 Stimmen beschwören bei dem Festival in Tallinn die Magie des Gesangs, aber auch das politische Selbstbewusstsein der baltischen Republik, die sich jahrhundertelang nach dem Diktat von Russen, Deutschen und Schweden zu richten hatte. „Das gibt es sonst nirgends auf der Welt", sagt Järvi zur musikalischen Euphorie seiner Landsleute.

AUFGESCHLOSSEN für Entdeckungen: Der estnische Dirigent Neeme Järvi.       Foto: pr

Über 350 CDs hat er schon eingespielt, aber nicht nur prominente Labels wie das der Deutschen Grammophon tragen den Namen Järvi in alle Welt. Der Dirigent ist nicht nur Leiter des schwedischen Nationalorchesters in Göteborg, sondern auch Musikdirektor in Detroit, und er steht am Pult bedeutender Formationen, darunter die Spitzenorchester in Boston und Chicago, in Philadelphia und London sowie die Berliner Philharmoniker. Järvi gilt inzwischen als einer der führenden Dirigenten der Gegenwart.

Wer sich in Järvis Repertoire umschaut, stößt vorwiegend auf ungeläufige Namen: Stenhammer, Steinberg, Berwald oder Nielsen sind hier zu Lande kaum bekannt. Und gerade mit Aufnahmen der Werke aus dem skandinavischen Raum hat Järvi besonderen Erfolg. „Die Leute denken immer", sagt Järvi, „dass diese Länder einem ganz anderen Raum angehören, aber sie sind ein Teil Europas." Und ihre Musik sei ein Teil der Weltkultur, fügt er hinzu.

Die etwas stiefmütterliche Behandlung gilt selbst für den großen Finnen Jean Sibelius: „Können sie mir einen deutschen Dirigenten nennen, außer Karajan, der sich Sibelius gewidmet hat?", fragt der Este, der gerade alle Sinfonien des Finnen für die Deutsche Grammophon eingespielt hat. Die Aufnahmen erscheinen voraussichtlich 2004.

 

Nunmehr seit über 20 Jahren ist Järvi Chef der Göteborger, und mit ihm stieg der Ruhm des Ensembles so steil an, dass die Schweden es im Mai 1997 sogar zu ihrem Nationalorchester kürten. Und was war das Erfolgsrezept? „Göteborg ist der beste Ort, um große Musik zu machen", sagt Järvi nicht ohne Ironie, denn: „Gutes Musizieren kennt keine Geographie." Er meint damit, dass in Göteborg ebenso gute musikalische Ergebnisse zu erzielen seien wie in Berlin und Wien auch. Und die Möglichkeit großer Abwechslung im Repertoire, das ja auch viele Entdeckungen präsentiert, sei ein weiterer Vorzug seiner Arbeit in Göteborg.

Mit entsprechender Energie propagiert er denn auch die Musik seiner Heimat. Järvi, der 1937 in Estland geboren wurde, im einstigen Leningrad studierte und 13 Jahre lang Chefdirigent der Tallinner Oper war, leistete auf diesem Gebiet Pionierarbeit: „Ich habe alles, was Arvo Pärt komponiert hat, als erster in Estland dirigiert", sagt er.

Auch die Musik anderer großer, wenngleich hier zu Lande weitgehend unbekannter Komponisten, liegt ihm am Herzen. Er nennt Rudolf Tobias, den Schüler von Rimsky-Korsakow und Glasunow, und dessen Oratorium „Des Jonas Sendung": „Das wird am 11. Mai ein großes Ereignis in St. Petersburg", sagt er, denn diese Aufführung macht Estland der Stadt an der Newa, die 300 Jahre alt wird, zu seinem Geburtstagsgeschenk. Dass er selbstredend auch in den USA, wohin er 1979 mit seiner Familie emigrierte, estnische Werke in seine Programme integriert, macht ihn ebenfalls zu einem fruchtbaren Musikbotschafter seines Landes.

In St. Petersburg, wo vor Zeiten auch Größen wie Bruno Walter oder Hans Knappertsbusch auftraten, sei nicht nur die Geburtsstätte der russischen Musik, sondern auch eine Schule der deutschen Dirigenten gewesen. Und von ihr profitierte auch Neeme Järvi, dessen Metier seiner Familie geradezu in die Wiege gelegt wurde: Bruder Valdo war auch Dirigent, und seine Söhne Paavo und Kristjan sind ebenfalls hoch geschätzte Orchesterleiter. Und die Dirigentendynastie Järvi dürfte so schnell nicht aussterben, denn selbst Enkel Lukas übt sich, kaum drei Jahre alt, bereits mit dem Taktstock: „Er dirigiert jeden Tag Beethovens Neunte", berichtet der Großvater voller Stolz und Heiterkeit.

Am kommenden Dienstag, 11. März, 20 Uhr, kommt Järvi mit den Göteborger Symphonikern nach Karlsruhe, wo er im Brahmssaal der Stadthalle die zweite Symphonie D-Dur op. 43 von Sibelius dirigiert. Außerdem steht Griegs Klavierkonzert a-Moll op. 16 mit der rumänischen Pianistin Mihaela Ursuleasa auf dem Programm, die bereits vor zwei Jahren einen Klavierabend in der gleichen Konzertreihe gegeben hat.

 Beim Stichwort Karlsruhe übrigens sprudelt es sogleich aus dem Weltenbürger Järvi heraus: In dieser Stadt, sagt er, gebe es ja eine regelrechte estnische Künstlerkolonie. Er nennt die Namen Kalle Randalu, den Karlsruher Klavierprofessor und einstigen ARD-Preisträger, und Boris Björn Bagger, ebenfalls Lehrer an der Musikhochschule und von estnischem Geblüt: „Der macht große Musik auf der Gitarre und hat viel für Estland getan",betont Järvi und nennt Baggers Musikverlag „edition 49", der schon jede Menge estnische Musik herausgebracht hat. Und dass es in Karlsruhe eine Deutsch-Estnische Gesellschaft gibt, freut den großen Esten ebenfalls ganz außerordentlich.       

 

Ulrich Hartmann