Gitarre Aktuell 1/03 zur CD Boris Björn Bagger (Gitarre) und Kalle Randalu (Klavier)

 

Die CD-Hülle trägt neben dem Aufmacher-Titel den klein gedruckten Hinweis: „Gitarre und Klavier auf klassisch-romantischen Seitenwegen - Bilder von einer vergessenen Welt." Und so ist es in der Tat. Zwar ist diese Instrumentenkombination nichts Legendäres und auch nichts, was es neu zu entdecken gäbe. Seit den 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts hat der italienische Gitarrist Mario Sicca mit seiner Frau Rita Maria Fleres diese Gattung konzertant wiederbelebt, und so manch fähiger Nachfolger lässt sich danach ausmachen, etwa Sonja Prunnbauer mit Stanislav Heller, oder auch der Solistenstar Pepe Romero mit Wilhelm Hellweg. Aber der Vergleich mit den „Bildern einer vergessenen Welt" hat seine Richtigkeit. Mit diesen Werken klingt eine historische Aufführungspraxis, ja eine ganze musikalische Kultur, ein wenig in unsere hochtechnisierte, klangerdrückte Welt hinein, in die sich die wenigsten von uns noch zurück versetzen können. Zur Zeit des sogenannten musikalischen Biedermeier, als das Klavier noch nicht sein stählernes Klangbild entwickelt hatte, wie es heute etwa vom Steinway-Flügel repräsentiert wird, war das Zusammenspiel von darmbesaiteter Gitarre mit einem einfach, über einem Holzrahmen bezogenen Klavier noch eine häufig genutzte Instrumentalkombination. Besonders in Wien, damals eines der führenden Zentren einer heute abhanden gekommenen Hausmusikkultur, entstanden sehr viele reizende Werke und Werkchen, die von geschäftstüchtigen Verlegern eifrig verbreitet wurden und dadurch auch Nachahmer fanden. Hier war die Gitarre in das bürgerliche musikalische Alltagsleben voll integriert, und sie hatte dabei nicht nur begleitende Funktion, wie zumeist beim Liedvortrag, sondern sie wurde durchaus dialogisierend verwandt.

Was wir auf dieser CD hören können, sind durchaus repräsentative Werke für die beschriebene Gattung: Anton Diabellis »Grande Sonate Brillante« op. 102 ist dabei, mit der sich schon Romero profilierte. Besonders der 4. Satz Finale-Allegro erinnert in ein-zelnen Passagen stark an Beethoven; hier hat die räum-liche wie zeitliche Nachbarschaft ihre unüberhörbaren Spuren hinterlassen, die man gelegentlich auch bei Giuliani finden kann. Diabellis »Kleine Stücke«, zehn an der Zahl, sind dagegen insgesamt gesehen doch eher Schülerliteratur. Als Weltersteinspielung weisen die beiden Interpreten das »Gesamtwerk für Gitarre und Klavier« von Caspar Joseph Mertz aus, einem Schöpfer von Gitarrenmusik, der erst in letzter Zeit verstärktes Interesse findet. Von seinen „nur" fünf Titeln scheint das Divertimento über Motive aus dem »Rigoletto« von Giuseppe Verdi op. 60 noch der bedeutendste und mit dreizehn Minuten Spielzeit auch der längste Beitrag zu sein. Auf jeden Fall erklingen hier musikalische Raritäten, die manch ein Gitarrist dem „unbekannten" Mertz nicht zugetraut hätte. Den Abschluss bildet das viersätzige Divertimento op. 38 von Carl Maria v. Weber, ein Stück, das eigentlich nie gänzlich vergessen war, was wohl dem allgemeinen Ruhm des Komponisten zuzuschreiben ist.

Was können wir an dieser nicht mehr ganz taufrischen Einspielung (aufgenommen im Jahre 1991!) mit Boris Bagger (Gitarre) und Kalle Randalu (Klavier) bewundern? • Blendendes Zusammenspiel beider Interpreten. • Eine überzeugende Interpretation. • Die Überraschung bei plötzlich aufklingenden musikalischen Qualitäten dieser total vernachlässigten Musik.
Hier hat sich also der Einsatz der beiden Künstler durchaus gelohnt. Das Problem für eine allgemeine Wiederbelebung dieser Werke liegt in der heutigen akustischen Unausgeglichenheit beider Klangträger, was sich aber bei Tonaufzeichnungen technisch gut kompensieren lässt, wie hier geschehen. < [Juli] >


Boris Björn Bagger;
Kalle Randalu:
»Gitarre und Klavier.
Raritäten aus Klassik und Romantik«.
CD: 79:01 Min, rec. 1991,
prod.: O.A., Antes-Edition
Gak 1/03 53