Badische Neueste Nachrichten, Oktober 2003
Musikalisches Feuer von der Renaissance bis hin zum Bossa Nova
Duo Struck-Vrangos/Bagger war im Fürstensaal des Bruchsaler Schlosses zu Gast / Technische Schwerarbeit zum Konzertfinale
Schwermut und traurige Grundstimmung vertragen sich auf einen ersten Blick weniger mit Tango und Bossa Nova, auf den zweiten
Blick schon eher: Das überaus podiumserfahrene Duo Blockflöten und Gitarre mit Anette
Struck-Vrangos und Boris B. Bagger lieferte im Bruchsaler Schloss nicht nur überzeugende
musikalische Beweise, sondern auch willkommene verbindende Erläuterungen zum besseren Verständnis jener musikalischen und außermusikalischen
Zusammenhänge. Mit drei Recercaren von Diego Ortiz aus der Stilepoche der Renaissance gefiel die Konzerteröffnung mit einer klanglichen Einstimmung,
die sowohl Aspekte einer ganz besonderen Tonkultur, als auch mediterranes Flair auf
Grund der feurigen Gitarrenbegleitung mit Temperament und Spielfreude erkennen ließ.Klangfarbenschattierungen belegten die
Wandelbarkeit der Flötistin, die von Sopranino bis Tenorflöte das ganze Register mit Bravour
vorstellte. Bei ihrem solistischen Beitrag aus der Fluyten Lusthof van Eycks und Charavgi
der Komponistin Calliope Tsoupaki zeigte sie
schlanke Transparenz, filigrane Bewegungen, federleichte Tonfolgen und tänzerische Vitalität. Zweimal überzeugte der Gitarrist Bagger
in solistischen Beiträgen von Luys Milan und Heitor Villa Lobos von seinem künstlerischen
Rang mit einerseits an Romeo und Julia erinnernden mittelalterlichem Klangzauber mit
würdigem Schreiten und vornehmer Distanz, andererseits mit zupackender Frische und ungetrübtem Genuss in dem Lobos-Prelude Nr. 1
als Zugeständnis an das populäre und gefällige Musikgenre. Ausgefallenes und selten Gehörtes begeister
te in besonderem Maß mit Werken, die dem Duo höchstselbst gewidmet wurden. Von Urmas Sisak aus dem Tierkreiszeichen erklangen
Wassermann und Krebs in teilweise experimenteller Manier. Das Näherkommen und Ent
schwinden mit Ruhe, Wärme und Gelassenheit des Wassermanns einerseits, die unbeholfenen,
schlaksigen Gehversuche des Krebses mit recht metrischen, teils swingenden Elementen mit
unüberhörbaren iberischen Musikanleihen im erfrischenden Crossover der Stile. Als Rotlicht-Musik angekündigt überraschten die beiden Sätze der Komposition
Histoire du Tango des Komponisten Astor Piazolla mit den Lebensdaten 1921 bis 1992 durch spannen
de Klangwirkungen und einem ganzkörperlichen Musikerlebnis beider Künstler, die sich
dabei als musikalische Vollblutpartner vorstellten mit Synkopen-Swing und einer erkennbaren, dennoch sympathischen Verstohlenheit, weil eben Satzbezeichnungen wie
Bordell vorkamen, und dies im würdigen barocken Fürstensaal mit Musiken aus ganz an
deren Zusammenhängen. Das dreisätzige Werk Nice Folks des Zeitgenossen Pete Rose überzeugte anschließend
mit afrikanischen Anleihen, Flatterzungen-Effekte und exotischen Farben eines imponierenden Zusammenspiels.
Abschließend erlebten die begeisterten Zuhörer von Lepo Sumera die Komposition .Für
BBB und seinen Freund wild und ungestüm, dann sphärisch entrückt, anschließend orchestral im Breitbandsound und dann wieder brav,
unheimlich und fremd anmutend. Technische Schwerstarbeit beider Instrumentalisten wurde meisterhaft bewältigt und eine erfrischende
Spiel- und Gestaltungsfreude durchgängig erhalten mit experimentellen Spielmethoden auf
der Gitarre. Insgesamt also ein überaus kurzweiliges, buntes und hochinteressantes Konzert mit zwei Experten ihres Faches von internationalem Rang.
Klaus Evers